Schnee möglich, Temperaturen um den Gefrierpunkt, ein Hexenkessel als Stadion: Für Jakob Johnson könnte es ein letzter großer NFL-Abend werden. In der Nacht zu Dienstag (2.00 Uhr MEZ) steht für den deutschen Football-Profi in Pittsburgh womöglich alles auf dem Spiel – sportlich und persönlich.
„Anders würdest du es nicht wollen. Wenn du ein Wettkämpfer in der NFL bist, dann willst du montagabends in Pittsburgh in einer rauen Atmosphäre dein Playoff-Spiel machen“, sagte der Stuttgarter der Deutschen Presse-Agentur. Und schiebt mit einem Grinsen hinterher: „Zu kalt gibt es nicht. Nur zu wenig Schichten.“
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Das Playoff-Spiel in Pittsburgh steht an
Ob Johnson überhaupt im Kader der Houston Texans steht, entscheidet sich erst kurz vor dem Spiel gegen die Pittsburgh Steelers. Auch seine Zukunft ist offen. Eine Niederlage könnte zugleich sein Abschied aus der NFL sein.
Dass er es überhaupt so weit geschafft hat, ist schon eine kleine Sensation. Die durchschnittliche Karriere in der NFL dauert 3,3 Spielzeiten. Johnson ist in seiner siebten Saison. Ein Wert, den ihm viele nie zugetraut hätten.
Vom Volksfest in die NFL
Der Schwabe hatte kurz nach der Fußball-WM 2006 bei den Stuttgart Scorpions mit American Football angefangen. Geld verdiente er sich zeitweise als Kellner auf Volksfesten. Heute steht er in den Playoffs der besten Football-Liga der Welt.
„Gute Arbeit, gewisse deutsche Tugenden, dass du ein guter Teammate bist, einen positiven Einfluss hast, egal in welchem Raum du bist, das kann dazu führen, dass du mehr Gelegenheiten bekommst“, erklärt Johnson. „Ich habe mir viel guten Willen erarbeitet über die Jahre, mit der Art und Weise, wie ich an die ganze Sache herangehe.“
Leistung zählt – und sonst nichts
Trotz aller Sympathien weiß Johnson genau, wie gnadenlos die Liga ist. „Die Leistung auf dem Platz, ist das Einzige, was zählt in der NFL.“ Für eine längere Karriere brauche es aber auch „Arbeitseinstellung, Zuverlässigkeit und das Vertrauen der Coaches“.
Hinzu kommt: Johnson spielt als Fullback – eine Position, die immer seltener wird. Ähnlich wie der Libero im Fußball verschwindet sie aus vielen Spielsystemen. Seine Aufgaben: blocken, kämpfen, Drecksarbeit.
Fullback ist eine aussterbende Position
Wie hart das Geschäft ist, erlebte Johnson besonders bei den New York Giants. Dort wurde er vergangene Saison innerhalb von sechs Wochen fünfmal verpflichtet – und wieder entlassen. Hintergrund: Während der Saison dürfen Teams nur 53 Spieler im Kader haben.
Auch bei den Houston Texans ist seine Rolle unsicher. In dieser Saison wurde Johnson bereits zweimal entlassen und wieder eingestellt. Ob er am Spieltag aktiv ist, erfahren Fans oft erst Stunden vor Kickoff.
Der lange Weg nach oben
Dabei war seine Karriere schon fast vorbei, bevor sie richtig begann. Nach Stationen an einer Highschool in den USA und am College in Tennessee verletzte sich Johnson schwer und hatte mit Football abgeschlossen.
Erst die alten Kumpels von den Stuttgart Scorpions holten ihn zurück. Über ein Förderprogramm für internationale Spieler schaffte er den Sprung zu den New England Patriots – mit Tom Brady als Quarterback. Es folgten die Las Vegas Raiders, die Giants und nun die Texans. „Meine Karriere war sowieso unkonventionell“, sagt Johnson. „Da sind einfach ein paar Kurven und Schnitte dabei.“
Abschied oder neues Kapitel?
Auf der Gegenseite wartet in Pittsburgh Packers-Quarterback Aaron Rodgers, der mit 21 NFL-Saisons selbst ein Sinnbild für Langlebigkeit ist. Der 42 Jahre alte Super-Bowl-Champion von 2011 denkt sogar über eine Fortsetzung seiner Karriere nach.
Johnson hingegen will seine Entscheidung „mit etwas Abstand“ im Frühjahr treffen. Ob das Spiel in Pittsburgh sein letztes wird, weiß er selbst nicht. „Auch wenn es mit der Aktivierung nicht klappt, bin ich deswegen nicht entmutigt“, sagt er. Und falls doch: „Das wäre natürlich schon cool.“