Einmal beim größten Einzelsporterlebnis der Welt, dem Super Bowl, dabeisein – ein eigentlich unerfüllbarer Wunsch. Aber der Beruf hat es möglich gemacht. Mittlerweile bin ich zum 28. Mal dabei. Ein subjektiver Rückblick auf drei Jahrzehnte, die wie im Flug vergingen. Und in denen sich so einiges verändert hat, nicht nur im American Football.
1998, das Jahr, als Helmut Kohl (†87, CDU) die Wahl verliert und Gerhard Schröder (81, SPD) Kanzler wird. Die Rechtschreibreform sorgt für viel Ärger im Land, Frankreichs Fußballer hauen zu Hause im WM-Finale Brasilien mit 3:0 weg – und ich erlebe meinen ersten Super Bowl. Weil ein Kollege nicht konnte, hatte ich last minute eine der heiß begehrten Akkreditierungen ergattert und saß unversehens im Flieger nach San Diego in Kalifornien. Aus einem glücklichen Zufall wurde eine fast drei Jahrzehnte andauernde Leidenschaft.
Mega-Show, unter anderem mit Santana: der Super Bowl im Januar 2003 in San Diego
Ich wusste gar nicht, was mich mehr beeindruckte – der Sport, das Duell der alternden Quarterbacks Brett Favre (Green Bay) und John Elway (Denver Broncos) oder die Half-Time-Show – damals unter anderen mit Boyz II Men, Smokey Robinson, The Temptations und Queen Latifah. Das war fast ein kleines Festival in zwölf Minuten; alles war riesig – und ich angefixt. Zumal wir kleinen Reporter geradezu fürstlich behandelt wurden. Zur Party für die ausländischen Journalisten ging’s im Bus samt Polizeieskorte in die nahe gelegene mexikanische Grenzstadt Tijuana. An der Grenze übernahm eine mexikanische Motorradeskorte und brachte uns mit viel Lalü und Lala in die lokale Stierkampfarena. Brennende Sonne am Mittag, Tequila, Nachos und sehr viel Macho. Die Erinnerung ist zum Glück etwas verblasst.
Wie überhaupt so viele Super Bowls eine Herausforderung fürs Gedächtnis sind. Was war genau wann – und wo? Deshalb hier, ganz subjektiv, meine persönlichen Highlights und Niederlagen.
2013 gewannen die Baltimore Ravens den Super Bowl. Daniel Killy war natürlich dabei
2001, Tampa: Musikalisch wurden die Halbzeitshows zusehends zum unabhängigen Highlight. In diesem Jahr gab es sogar Theatereinlagen: Ben Stiller als Vokuhila-Moderator veräppelte Topstars wie Aerosmith, Britney Spears und NSYNC. Theater gab’s auch mit einem Police Officer. Ich fotografierte gerade die Gasparilla, die traditionelle Karnevals-Parade, da scheuchte mich der schnauzbärtige Cop weg. Mein Einwand, ich sei doch Presse und mache meine Arbeit, wurde mit einem kurzen Satz weggefegt: „Noch ein Wort und du kriegst die Acht“ – also Handschellen an. Ich schwieg und ging …
Auch Popstar Madonna machte den Super Bowl zu ihrer Bühne
2002, New Orleans: Der Super Bowl nach dem 11. September. Panzerwagen vor dem Pressezentrum in New Orleans, National Guard in den Straßen. Das Halbzeitprogramm wurde geändert. U2 sangen traurige Lieder zum traurigen Anlass, die Namen aller Opfer liefen über die Großleinwände. Unvergessen.
DER Aufreger in der Half-Time-Show 2004: Janet Jackson singt mit Justin Timberlake, dabei ist für Sekunden eine entblößte Brust zu sehen
2004, Houston: Janet Jackson. „Nipplegate“, die Affäre um ihre beim Duett mit Justin Timberlake durch den für Sekundenbruchteile entblößte Brust, ging in die TV-Geschichte ein – und fast an mir vorbei. Denn als braver Reporter schaute ich gebannt dem Bühnentreiben im Original zu, nicht aber auf die großen Stadionmonitore – und verpasste so um ein Haar einen der größten Skandale der TV- und Sportgeschichte. Nach Spielschluss, 2004 war die Welt noch wesentlich analoger, ging es ins Medienzentrum, um die ausgedruckten Spielstatistiken und Spielerstimmen einzusammeln. Der legendäre NFL-Pressemann David Tossell reichte mir eine DIN-A4-Seite mit einer NFL-Erklärung zum Skandal, und fragte ungläubig, ob ich denn gar nichts von der „wardrobe malfunction“, dem Kostüm-Defekt, wie Justin Timberlake seinen Zupfer an Janet Jacksons Brustbedeckung verklausulierte, mitbekommen hätte. „Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß – und entging um Haaresbreite der größten Blamage meines Journalistenlebens.
Februar 2011: Den Super Bowl in Arlington gewinnen die Green Bay Packers gegen die Pittsburgh Steelers
2009, Tampa: Die Stadt und Florida bewarben sich um die Olympischen Spiele 2012. Dazu sollte die internationale Presse mobilisiert werden. Und in meiner Person fanden sie den Dummen, der sich mit einem kleinen Alligator auf dem Arm und einem winzigen auf dem Kopf fotografieren ließ. Die armen Tiere. Das Bild wurde zu meinem Erstaunen Titelbild der „Tampa Tribune“. Die Zeitung gibt’s heute nicht mehr …
BILD-Reporter Daniel Killy mit dem Alligator im Arm – und auf dem Kopf
2011, Dallas: Football im Herzen des Öl- und Cowboystaates – und was passiert? Es schneit. Chaos allerorten, Winterreifen sind unbekannt, Kneipen bleiben dicht. Überhaupt, das Wetter: Von –16 Grad (Minneapolis 2018) bis 29,4 Grad (Los Angeles, 2022) war alles dabei. In Minnesota wurde allerdings in einer klimatisierten Arena gespielt.
2013, New Orleans: Die wunderbare Stadt am Mississippi, siebeneinhalb Jahre nach dem verheerenden Hurrikan Katrina. Das Stadion, in dem während der Fluthölle 20 000 Menschen unter untragbaren Bedingungen eingepfercht waren, strahlte wieder in neuem Glanz. Auch im Vergnügungsviertel French Quarter flossen Schnaps und Geld wieder in Strömen. Im 9th Ward hingegen, dem zerstörten Viertel der Armen und Schwarzen, war nichts repariert. Die Reportage, die ich damals für BILD in einer Schule machte, geht mir immer noch zu Herzen. 2025 war ich wieder in der „Carver Highschool“. Ein junger schwarzer Rektor hatte viel bewegt – und musste nun zittern, dass Trump alle Bundesfördergelder strich.
2017, Houston: Von all meinen Super Bowls der wohl sportlich spektakulärste. Die Patriots um Superstar Tom Brady lagen bis weit ins dritte Viertel des Spiels 3:28 hinten. Der beste Auftritt in jenem Jahr schien Lady Gagas Pausenperformance. Bis die Pats 31 Punkte am Stück machten und mit 34:28 in der Verlängerung gewannen. Überhaupt, Tom Brady. Seine Titel 1 bis 6 habe ich alle live gesehen, Brady war meine Super-Bowl-Dauerbeziehung. Sie endete traurig …
Der Super Bowl 2017 in Houston – sportlich wohl der spektakulärste
2021, Tampa: … Brady war mittlerweile zu meinem Lieblingsteam gewechselt, den Tampa Bay Buccaneers, der Losertruppe aus Florida, die gerade mal einen Super Bowl vorzuweisen hatte. Noch nie hatte ein Team zu Hause den Super Bowl gewonnen. Brady und den Bucs gelang das Kunststück (31:9 gegen die Kansas City Chiefs). Und ich war nicht dabei. Es herrschte Covid, die USA hatten dichtgemacht. Ich hatte sogar eine Akkreditierung erhalten, nur einreisen, das durfte ich nicht. Alles Quengeln half nichts. Die Vereinigten Staaten ließen sich letztendlich nicht davon überzeugen, dass für sie meine Einreise von höchster Bedeutung sei und sie mir deshalb eine Reiseerlaubnis der Kategorie „National Interest Exception“ (NIE, Ausnahme im nationalen Interesse, Red.). Irgendwie verständlich bei der Abkürzung. So kam es, dass Brady seinen siebten Championship-Ring ganz ohne mich holen musste.
Fotografen und Kameramänner im Einsatz beim Super Bowl 2005 in Jacksonville
2026, San Francisco: Wieder sind die Patriots im Finale. Und wie im Finale 2002 (Brady) mit einem neuen Quarterback. Drake Maye. Der wurde übrigens ein halbes Jahr, nachdem Tom Brady in New Orleans seinen ersten Championship-Ring geholt hatte, geboren.
Was hat sich nun geändert in all den Jahren? Die Bedeutung der Halftime-Show. Sie ist genauso wichtig geworden wie das Spiel, wird mittlerweile von Industriegigant Apple Music organisiert – und ist für Topstars wie Beyoncé, Lady Gaga, Shakira, JLo, Madonna oder in diesem Jahr Bad Bunny die Krönung ihrer Karrieren. Und American Football ist jetzt ein globaler Sport. Diese Saison findet ein Ligaspiel in Melbourne statt. Der Kampf ums Ei hat nicht nur mein Herz, sondern die ganze Welt erobert.