Am Samstagnachmittag strömten Tausende Demonstranten durch die Straßen Washingtons, eine Szenerie, die an die Massenproteste vor acht Jahren erinnerte, jedoch mit einem deutlich veränderten Charakter. Im januar 2017 hatte der „women’s March“ am Tag nach Donald Trumps Amtseinführung alle Prognosen übertroffen. Damals versammelten sich allein in der Hauptstadt rund eine halbe Million Menschen, was den Protest zu einem der größten in der US-Geschichte machte. Der diesjährige „People’s March“ stand somit im Schatten dieses historischen Ereignisses.
Die Organisatoren hatten im Vorfeld betont, dass es nicht darum gehe, frühere Demonstrationen zu übertreffen, sondern darum, ein Zeichen zu setzen. Die Veranstaltung war für 50.000 Teilnehmer angemeldet, doch laut Polizeiangaben waren es am Nachmittag etwa 25.000 Menschen, die sich versammelt hatten.
Einige Teilnehmer trugen erneut die rosafarbenen „pussy-Mützen“, die vor acht Jahren zum Symbol des Widerstands gegen Trumps sexistische Äußerungen geworden waren. „Ich hatte gehofft, diese Mütze nie wieder tragen zu müssen“, sagte Kim, eine junge Frau aus Ohio, die sich nach kurzem Zögern vorstellte. Sie war mit einer Freundin angereist und hielt ein Schild hoch, auf dem stand: „Wenn du nicht wütend bist, hast du nicht aufgepasst.“
Die Zersplitterung der Protestbewegung von 2017
Für Kim ist es entscheidend, dass Trumps Verhalten nicht als normal akzeptiert wird. 2017 war sie noch zu jung, um in Washington mitzumarschieren, aber sie erinnert sich daran, wie viel größer die Proteste damals waren. In ihrem Umfeld gaben viele in den letzten Jahren den Kampf auf. Eine der ersten Rednerinnen des Tages betonte: „Bevor wir für die Demokratie kämpfen können, müssen wir unsere eigene Verzweiflung überwinden.“
Die linke Protestbewegung, die 2017 entstanden war, hatte sich in den folgenden Jahren zersplittert.viele Aktivisten waren enttäuscht von der mangelnden einheit und den internen Konflikten. Dennoch zeigte der diesjährige Marsch, dass der Geist des Widerstands weiterlebt, auch wenn er sich in einer veränderten Form manifestiert.
egung von 2017 zerschlug sich später in viele kleinere Projekte. Mit Schuld daran waren Diskussionen über die Schwerpunkte der Arbeit, die angemessene Repräsentation von Minderheiten und Vorwürfe des Antisemitismus. In diesem Jahr wird der „People’s March“ ausdrücklich von verschiedenen Gruppen organisiert. Es geht nicht mehr allein um die Opposition zu Trump, sondern auch um grundsätzliche politische Fragen. plakate der Demonstranten thematisieren am Samstag unter anderem den Gaza-Krieg, den Klimawandel, den zugang zu Abtreibungen, die Repräsentation von Minderheiten und die Rechte der LGBTQI-Gemeinschaft.
„Sich zu vernetzen, ist das Gegengift“
Tiffany Flowers ist eine der Mitorganisatorinnen des Marschs und Direktorin von „The Frontline“, einer Organisation für Demokratieförderung. Sie sagt, dieser Tage sei Gemeinschaft das wichtigste. „wir müssen die Leute wissen lassen,dass wir für sie da sind.“ Viele fühlten eine große Unsicherheit und Angst. Flowers Organisation ruft dazu auf, sich gesellschaftlich zu engagieren, als Wahlhelfer etwa, für Arbeitsrechte – oder auf Demonstrationen.
„Natürlich geht es dabei um Politik“,sagt Flowers,aber wichtig seien immer die persönlichen Verbindungen. Sich zu vernetzen sei das „Gegengift“ gegen Ausgrenzung und Spaltung. auf der Bühne bemüht sie sich am Samstag um eine positive Botschaft: Man dürfe nicht aufgeben, ruft sie am Ende in die Menge vor dem Lincoln Memorial.
Für Flowers, die bis vor einigen Jahren aktivistin für Arbeiterrechte im Süden der Vereinigten Staaten war, ist der Protest auch persönlich.Ihr Großvater war ein Anführer in der Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und sechziger Jahre. Sie sagt: „Ich bin stolz auf diese Arbeit.“ flowers zögerte nicht, als sie als Mitorganisatorin angefragt wurde. Vor acht Jahren war sie als Teilnehmerin beim „Women’s March“ mitgelaufen.
Dass diesmal sehr viel weniger Demonstranten teilnehmen, will sie nicht als Niederlage sehen. Es sei „absurd“, das Amerika von damals mit dem Amerika von heute zu vergleichen. Flowers sagt: „alles hat sich verändert – auch,wie die Themen unserer Zeit die Menschen gespalten haben,selbst auf der Linken.“ Der „Wahnsinn“ Trumps habe den Zweck,die Leute mürbe und hoffnungslos zu machen. „Aber wir müssen bereit sein zu kämpfen, wir müssen hinschauen.“